Bösland Interview

 

Die Blum-Trilogie war sehr erfolgreich – kann Bösland das noch toppen?
Verspüren Sie Druck?

Druck verspüre ich glücklicherweise nicht. Ich schreibe einfach leidenschaftlich gerne, erzähle meine Geschichten in meiner Sprache, ich versuche immer alles zu geben, völlig unbeschwert an ein neues Projekt heranzugehen. Deshalb bin ich überzeugt davon, dass auch Bösland sein Publikum finden wird.

Die Totenfrau-Trilogie hat es in richtig viele Wohnzimmer und Bücherregale quer durch Europa geschafft, allein im deutschsprachigen Raum wurden bis jetzt 500.000 Bücher verkauft. Dass wir so viele Leserinnen und Leser begeistern konnten, ist wundervoll, mein Traum vom Schreiben leben zu können, hat sich durch Blum erfüllt. Mit dem btb-Verlag habe ich ein wunderbares, schriftstellerisches Zuhause gefunden, meine Verlegerin und das gesamte Team stehen hinter mir. Das ist großartig und beflügelt.


War es schwer, Brünhilde Blum gehen zu lassen?

Der Neubeginn nach Blum bedeutete für mich Wehmut und Freude zugleich. Ich musste mich nach vier intensiven Jahren von meiner wunderbaren Heldin verabschieden, das war schon hart. Aber da war auch diese Freude daran, eine neue Erzählform zu finden, ein anderes Tempo, neue abgründige Helden. Bösland ist ein klassischer „Aichner“ aber auch völlig anders. Vertraut ist der Sound und der Sog. Neu sind die Figuren, die Konstruktion, das Setting.


Worum geht es in Bösland?

Um Mord unter Kindern. Um psychische Störungen, um die Sehnsucht nach Liebe, um Freundschaft, und einmal mehr um Rache. Alles dreht sich um Ben. Den Mörderjungen. Ein brutales Verbrechen reißt den kleinen Jungen aus seinem Leben im Dorf, trennt ihn von seiner Mutter, von seinem besten Freund Kux.
Es ist 1987. Ben kommt in die Psychiatrie, verbringt Jahre dort. Eine dissoziative Persönlichkeitsstörung wird diagnostiziert, Bens Leben scheint zu Ende. Doch eine engagierte Psychiaterin hilft ihm auf den Weg zurück. Ben wird nach sieben Jahren entlassen, er findet Arbeit, es gelingt ihm ein halbwegs normales Leben zu führen. Bis ihn seine Geschichte nach dreißig Jahren durch einen Zufall wieder einholt. Die brüchige, einsame, aber doch stabile Welt, die Ben sich mit viel Kraft aufbauen konnte, gerät ins Wanken. Es zieht ihn zurück in das Dorf, in dem er aufgewachsen ist, zurück auf den Dachboden, zurück ins Bösland. Und wieder gibt es Tote …


Die Inspiration, Idee zum neuen Buch?

Ich bin vor zweieinhalb Jahren mitten in der Nacht aufgewacht. Schweißgebadet, ich hatte fürchterlich geträumt.
Es war eine wahnsinnige Geschichte, in der ein kleiner Junge seine Freundin erschlägt, es war wie ein Film, der vor mir abgelaufen war. Ich bin aufgestanden und habe mir alles aufgeschrieben, aus Angst, es wieder zu vergessen. Am Morgen habe ich es mir durchgelesen, was ich notiert hatte, und war immer noch berauscht von der Story. Ich habe meine Verlegerin angerufen und ihr davon erzählt. Auch sie hat sofort Feuer gefangen und gesagt, dass ich dieses Buch unbedingt schreiben soll. Und das habe ich dann mit Freude getan.


Wenn Sie nicht gerade träumen, wo kommen sonst Ihre Romanideen her?

Ich bin ständig auf der Suche – bewusst und unbewusst. Als Fotograf habe ich gelernt, genau hinzusehen. Ausgehend von einer harmlosen Szenerie, die ich beobachte, entspinnt sich in meinem Kopf innerhalb von Minuten eine verrückte Geschichte, die mit der Wirklichkeit plötzlich nichts mehr zu tun hat. Oft sind es Geschichten, die mir Freunde erzählen, die ich in der Zeitung lese, oder anderswo aufschnappe. Meine Fantasie macht den Rest. Alles dreht sich ums Schreiben, immer.


Welche Rolle spielt die Fotografie in Ihrem Leben?

Mit 17 habe ich das Gymnasium abgebrochen und mich zunächst als Kellner durchgeschlagen. Durch Zufall hat es sich ergeben, dass ich meiner Leidenschaft, der Fotografie, auch beruflich Raum geben konnte. Vier Jahre lang habe ich in einem Fotolabor gearbeitet, nebenbei in der Abendschule das Abitur nachgeholt und ein Germanistik-Studium begonnen. Bis zum Abschluss des Studiums habe ich dann als Pressefotograf für eine der größten Tageszeitungen Österreichs gearbeitet. Dann gründete ich gemeinsam mit meiner Frau ein Atelier für Werbefotografie. Abends und in den Nachtstunden habe ich geschrieben. Die Fotografie hat mein Leben und mein Schreiben ermöglicht und geprägt. Es waren zwei Karrieren, an denen ich parallel gearbeitet habe, zwei Berufe, die sich gegenseitig gut getan haben. Der fotografische Blick im Schreiben und das Erzählende in der Fotografie – beides ist bis heute untrennbar miteinander verbunden.


Ben, die Hauptfigur in Bösland, arbeitet auch in einem Fotolabor. Zufall?

Als ich 20 war, habe ich begonnen, in einem Fotolabor zu arbeiten.  Ich habe den ganzen Tag lang Bilder entwickelt, hielt das Leben der anderen ständig in meiner Hand. Fotos von Urlauben, Familienfeiern, Taufen, Hochzeiten... Die Hauptfiguren wechselten, die Motive waren immer dieselben. Es war spannend, Voyeur zu sein, heimlich an den intimen Momenten der anderen teilzuhaben. Diese Erfahrung wollte ich immer in einen Roman einfließen lassen. Jetzt, nach 25 Jahren, habe ich das endlich getan.


Man sagt Ihnen nach, Sie seien ein Frauenversteher – stimmt das?

Natürlich möchte ich mein Gegenüber verstehen, egal ob Mann oder Frau. Ich denke, es macht das Leben einfacher und schöner, wenn man sich diese Mühe macht. Und auch meinen Büchern tut das gut.  Damit ich meine Frauenfiguren wirklich zum Leben erwecken kann, muss ich wissen, was sie bewegt, sie berührt, was ihnen Angst macht, wonach sie sich sehnen. Das heißt, ich muss und will ihnen zuhören, sie ernst nehmen mit allem, was sie sind. Je mehr ich vom anderen weiß, desto einfacher, intensiver und leidenschaftlicher wird das Zusammenleben. Liebe funktioniert längerfristig auch nur dann, wenn sich alle Beteiligten wirklich gut kennen.


Was hat eine Liebesgeschichte eigentlich in einem Thriller verloren?

Ich bin ein heilloser Romantiker. Liebesgeschichte und Thriller – das ist für mich also kein Widerspruch. Ich bin immer bemüht, dass es in meinen Büchern trotz Düsternis ein Happy End gibt. Liebe und Tod sind schon immer Grundmotive in der Literaturgeschichte gewesen, und für mich untrennbar miteinander verbunden. Keines der Bücher, die ich bisher geschrieben habe, kommt ohne Liebesgeschichte aus. „Schmusen“ ist das Wichtigste für mich im Leben. Sollte es auch für alle anderen sein. :-)


Im Bösland wird also auch geschmust?

Bösland ist ein sehr hartes, abgründiges Buch. Aber es gibt tatsächlich auch Platz für die Liebe. Ich zeichne eine Dreiecksbeziehung, die bis zum Schluss spannend und erotisch bleibt. Wobei ich dazu sagen muss, dass das Schreiben von Sexszenen zum Schwierigsten überhaupt gehört. Es darf nicht billig sein, nicht ordinär, nicht zu kitschig. Es soll geheimnisvoll bleiben und bestenfalls auch Lust machen. Ich bin schon oft daran gescheitert, bin aber mittlerweile sehr nahe dran. Es ist ja auch hier so wie im wirklichen Leben: Nur wenn man viel übt, hat man irgendwann beim Sex den Dreh raus.

 

Wie viel Killer steckt in Bernhard Aichner? 

Alles, was sich am Ende zwischen den zwei Buchdeckeln findet, ist Fiktion. Und trotzdem bringe ich mich zu 100% ein, ich fühle, leide, hasse. Und ich töte. Und das leidenschaftlich gerne. Über den perfekten Mord nachzudenken, das macht uns doch allen Spaß, oder? Sich theoretisch auf die andere Seite zu begeben, Verbotenes zu tun, aus sicherer Distanz mit dem Feuer zu spielen, darum geht es. Kreativ zu morden, alles zu geben, um zu überraschen. Und am Ende damit davonzukommen...

 

 

Bösland

Sommer 1987. Auf dem Dachboden eines Bauernhauses wird ein Mädchen brutal ermordet. Ein dreizehnjähriger Junge schlägt sieben Mal mit einem Golfschläger auf seine Mitschülerin ein und richtet ein Blutbad an. Dreißig Jahre lang bleibt diese Geschichte im Verborgenen, bis sie plötzlich mit voller Wucht zurückkommt und alles mit sich reißt: Der Junge von damals mordet wieder ...

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